Den Zukunftsbock, den man nicht schießen sollte...

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#1
Horrido,

Den Satz "Nicht über Lauscherhöhe" sollte wohl vielen Waidmännern bekannt sein! :D

Ich bin seit knapp zwei Jahren mit einem Begehungsschein in einem ca. 600 ha großen Revier in naher Verwandschaft mit dabei, unentgeltlich.
Nun zu meinem Problem oder besser gesagt: Zu meinem Missverständnis.

Ich komme selbst aus der Forstfraktion, bin studierter Forstwirtschaftler.
Als ich vor einem Jahr Anfang Mai einen "vitalen" Bock erlegt habe hieß es nur: "Das wäre ein schöner Zukunftsbock gewesen." Kritische Blicke, aber sonst alles im Rahmen.
Dieses Jahr wieder am morgen des 1. pirschen gewesen: Ein Jährling erwischt, welcher noch nicht verfegt, aber gut aufgesetzt hatte. Dann hieß es wieder: "Das war ja ein schöner Zukunftsbock, die schießen wir normal erst nach der Blattzeit. Gute Gene müssen weitergegeben werden."

Vorhin wieder gesessen, an einer Kanzel ohne bisherigen Abschuss. Nach ca. 2 Std wechselte ein Rehbock an, stand ca. 15 min grottenbreit vor mir und ich habe nicht geschossen, aus dem Hintergrund heraus ihn nicht schießen zu dürfen, weil er zu viel oben drauf hatte. Währenddessen hat er sich einen netten Weißtannen-Kräutersalat ca. 40m vor meiner Nase gegönnt!:unsure:
Zurück am Auto habe ich mich über mich selbst geärgert. Und ich wüsste ehrlich gesagt nicht, ob das für mich auf Dauer ein Revier wäre, in dem ich mit so einer Strategie jagen möchte.
Nicht, dass ich mich nicht in deren Lage versetzen könnte, aber wie kann ich die Mitpächter davon überzeugen alles freigegebene auch zu schießen?
Vor allem heißt es dann: "In Reviermitte lassen, an der Grenze darfst du alles schießen." Und ich denke das ist nicht nur in unserem Revier gängige Praxis. Gönnt man da den Nachbarn nichts oder wo liegt da der Sinn?

Versteht mich nicht falsch, ich bin weder Trophäen-, noch Beutegeil. Ich bin auch Niemand, der sich jedes Gehörn an die Wand nagelt. Im Gegenteil, das liegt nicht in meinem Interesse.
Ich kenne nur den waldbaulichen Hintergrund, die Verjüngungssituation vor Ort, und die hohe Rehwilddichte. Es gibt kaum einen Maiansitz, an dem ich absolut keinen Anblick habe.
Ich versteh nur die Strategie eines selektiven Abschusses nicht:
Was entscheidet darüber, ob ein Bock vital und welches Stück genetisch minderwertiger ist? Nur, weil er viel drauf hat, aber sonst normales Gewicht hat? Zumindest kommt es für mich so rüber.
Sind die äußeren Einflüsse nicht wesentlich größer, als die Vererbung (kaltes Frühjahr, harte Winter, Unruhe im Revier, hohe Rehwilddichte - sozialer Stress, zu wenig Nahrungsangebot, etc.) ?
Gibt es Beobachtungen, dass ein schwaches einjähriges Stück keine Möglichkeiten hat sich noch zu entwickeln?
Wenn ein vitaler Bock seinen Einstand hat, ist es dann nicht umso schwerer für geduldete Artgenossen und Nachzügler sich zu entwickeln?

Wenn ich aus mehreren Stücken Aussortieren kann, dann schieße ich natürlich nur das Schwächste heraus. Sitzt man drei Stunden und es wechselt nur der "Zukunftsbock" (der Alte, der Starke) dann würde ich diesen gerne auch schießen. Wenns nach mir ginge, dann würde ich lieber zu Saisonbeginn etwas mehr Strecke machen und dann ab Mitte Dezember das Wild mit erfülltem Abschussplan in Ruhe lassen.

Wie handhabt ihr das bei euch im Revier?
Warum jagt ihr mit eurer Strategie und was überzeugt euch dies so zu handhaben?
Kann der Jäger überhaupt gezielt selektieren?
Ich weiß, dass ich nur einen BS habe und deswegen auch nicht großartig Rechte habe oder Ansprüche stellen darf. Deswegen möchte ich mich auch nicht bei den Pächtern unbeliebt machen, weil ich denen ihre "gezüchteten" Trophäen wegschieße, obwohl das nichtmal mein Anreiz ist.
Und ich weiß, dass bei solchen Diskussionen die Meinungen sehr gespalten sind. Oft ist es auch von den Lebensraumkapazitäten abhängig wie man jagt. Dennoch bin ich gespannt auf eure Erfahrungen.:)


Grüße und Wmh!
 
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#2

Nicht "was" sondern "wer" entscheidet darüber! Offensichtlich wird die Verbisssituation anders eingeschätzt wenn du dort jagst.

Mir würde das reichen um mich umzuorientieren.



Eine halbwegs vernünftiger Ansatz ist mMn im Mai bevorzugt Jährlinge und Schmalrehe zu erlegen.
Mehrjährige die dort ihren Einstand haben und immer sicher auf die Wiese wechseln, passen auch im Sommer noch.


CdB
 
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#3
Der Volksglaube geht immer noch davon aus, dass von Förstern und Jäger nur altes und krankes Wild totgeschossen wird.
In der Vegetationsperiode mit überreicher Äsung MUSS (müsste) gar nix totgeschossen werden,
dagegen viel wenn es knapp wird und der Verbiss an dem noch vorhandenen stark ansteigt oder ansteigen würde.
Viele Jagdländer kennen die Früh- oder Hochsommerjagd gar nicht.
 
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#4
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#5
Nicht, dass ich mich nicht in deren Lage versetzen könnte, aber wie kann ich die Mitpächter davon überzeugen alles freigegebene auch zu schießen?
Vor allem heißt es dann: "In Reviermitte lassen, an der Grenze darfst du alles schießen." Und ich denke das ist nicht nur in unserem Revier gängige Praxis. Gönnt man da den Nachbarn nichts oder wo liegt da der Sinn?
Du kannst sie nicht überzeugen. Vergiss das. Entweder es passt Dir dort oder eben nicht.

Zum Sinn oder Unsinn vom Stehenlassen von "Zukunftsböcken" gab/gibt es Zahlen. Ich meine es wäre in "Das Reh in der Kulturlandschaft" zu finden. Kurz und knapp: Es ist völlig egal.
Da man aber auch nichts kaputt macht es so zu halten muss man sein Wohl und Wehe nicht einem Glaubenskrieg hierzu opfern.

Die Reviermitte-Grenze-Sache drückt einfach nur Neid aus und ist sachlich gesehen Unsinn. Lässt sich aber dennoch nicht ausrotten.
Der Lebensraum bestimmt darüber ob ein Areal besetzt wird oder nicht. Schießt man vorzugsweise an der Grenze erhöht sich die Anzahl der problematischen Nachsuchen.
Und der freie Lebensraum: wird wieder besetzt. Die Rehe dazu kommen unweigerlich woher? Genau, aus der Mitte wo man Ruhe halten wollte. Es braucht dann nur noch zwei Betonköpfe. Beide räubern die Grenze leer. Und schießen sich im Grunde nur gegenseitig die geschonten Böckerl aus der jeweils anderen Mitte weg die sie ins selbstgeschaffene Vakuum ziehen. :giggle:
Nüchtern betrachtet verdienen beide aber auch nichts anderes.
Am Ende "züchten" die Neidbolzen dann genau das was sie nicht haben wollen. Mehrjährige die aussehen wie Jährlinge. Weil erstmal der Neid gebietet den "Guten" vor dem schrecklichen Nachbarn zu kriegen.

Mach Dir keinen Kopf, geh jagen und grins Dir eins.
 
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#6
Wenn du unentgeltlich und dann noch in der Verwandtschaft jagst, würde ich mich mit Kommentaren schon zurück halten. Tust du ja auch.
Wenn dir die Art dort zu jagen nicht gefällt hast du ja durchaus die Option selbst zu pachten oder im Staatsforst gegen Entgelt Abschüsse zu tätigen. Jeder muss letztlich sehen, womit er glücklich wird und das ist nich bei allen dasselbe.

Bei deinem Beitrag fällt es mir schwer zu entscheiden, ob es dir um die generelle Art der Jagdausübung oder um die Selektionskriterien für Zukunftsböcke geht. Vielleicht auch beides.
Sollte es vorwiegend letzteres sein, muss ich einwenden, dass Zukunftsböcke weitaus besser ab dem 2.ten Jahr beurteilt werden können :confused:
 
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#7
bei uns heißt es: wer bezahlt, schaft an.
oder in deinem Fall: Du bezahlts nix, der Pächter bezahlt die Pacht und den Wildschaden. und damit bestimmt er, was und wieviel Geschossen wird. obs nun in deinen Augen Sinn macht oder nicht.
bin seit erstem Mai bestimmt 8 mal am Ansitz gewesen, und hatte ca. 4 mal Böcke und Schmalrehe vor. habe keins erlegt, da vom Pächter nicht freigegeben. Ist auch nicht mein Problem, wenn Verbissschäden zu groß werden und Wildschadenersatz anfällt.
 
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#8
bei uns heißt es: wer bezahlt, schaft an.
oder in deinem Fall: Du bezahlts nix, der Pächter bezahlt die Pacht und den Wildschaden. und damit bestimmt er, was und wieviel Geschossen wird.

Das stimmt.

Es stimmt aber auch, dass man da nicht jagen muß.
Wenn ich mir bei jedem Ansitz Gedanken machen müßte, was denn nun wieder falsch ist,
wäre ich ganz schnell verschwunden.
Jagd ist Freude, Freizeit, Spass und Frieden, aber gewiß nicht so.

Remy
 
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Guest
#10
Selber pachten oder Wald kaufen, dann kannst du jagen oder waldbauen wie du es möchtest.

Eines ist mal sicher, der Blick aus "Eigene" ist ein völlig anderer als der eines Gastes. Du wärst nicht der Erste, der dann im eigenen Revier anfängt "angehegte" Trophäen zu wertschätzen und eigen mit "seinem" Wild umgeht, was nicht der Nachbar ernten soll. Das ist Gästen oder Angestellten im Regelfall egal.

Soll ja auch Förster geben, die im Revier des Vaters völlig anders jagen, als beim Arbeitgeber ;)
 
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#11
Das mit dem Zukunftsbock habe ich zu Beginn auch regelmässig gehört.
War für mich von Anfang an Humbug... nach den Jahrhunderten "Hege" und "selektiver Jagd" müsste heute jeder Bock ein 18-Ender sein.
Das Habitat und seine Kapazitäte bestimmt letztendlich, wie stark die Stücke werden. Wenn der Bestand an das Habitat angepasst ist, werden starke Böcke da sein.
 
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#13
Moin,

Bei uns wird das so geregelt:
Ab 1.Mai werden Jährlinge geschossen, die nicht über Lauscher sind oder bereits gut veranlagt sind.
Zweites Kriterium: Alles was älter und kein sechser ist.

Starke Sechser werden dann, wenn überhaupt, vom Pächter erlegt.

Einzige Ausnahme: Das Todesdreieck, zwei starkbefahrende Bundes und Landstraßen, sowie eine Autobahnzufahrt, in deren Mitte eine Wiese liegt. Alles was da steht wird eh überfahren, dann lieber in unsere Kühlung.

Kann ich gut mit um, ist alles klar geregelt.
 
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