Retro 2012: Bist Du es, Käthe?

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anonym

Guest
#1
Ich habe gerade eine Geschichte von vor zwei Jahren wiedergefunden, die ich eigentlich ganz witzig finde. Vielleicht gefällt sie hier jemandem.

Bist Du es, Käthe?


2330. Jogi´s Jungs haben gerade hier in Frankfurt gegen die Gauchos verloren und mein offensichtlich unpatriotischer Kumpel Alex schickt mir aus Mannheim ein hämisches „Hab schon mal zwei vorgelegt!“ auf´s Handy. Ausserdem hat die Kontrolle unserer tollen Biomaisäcker gezeigt, dass die Schwarzkittel wohl deutlich auf den Geschmack gekommen sind –ich habe gerade eben noch vier zerwirkt, aber der Lerneffekt… Na gut, lernen durch Schmerz, ich „muss“ raus statt in die Heia.

Es ist hell bewölkt, Regen liegt in der Luft. Ich bin mir so sicher, auf Sauen zu stoßen, dass gar nicht erst eine Hose oder Schuhe anziehe –müsste ich ja doch nur irgendwo wieder aufsammeln. Zum Aufwärmen will ich einen Stoppelacker kontrollieren, den letzten seiner Art, alle anderen wurden leider schon umgezackert. Das NSG hat brandneue Batterien, „bessä wie Kino!“, so dass ich auf dem Hinweg beiläufig zahlreiche Hasen und ein Schmaltier registriere –EIN SCHMALTIER? Ich bremse so abrupt, dass ich mir fast einen Bänderriss einfange: tatsächlich, da oben steht in aller Seelenruhe ein zierliches Damfräulein. Ich hechte ein paar lange Schritte hinter eine Hecke und grübel mir die Hirnrinde lockig: Haben wir denn eines frei? Ja oder nein? Ich überbrücke den erinnerungstechnischen Blackout mit Angehen. Brezelbreitest in allerschönster Sommerdeckenpracht steht Madame direkt vor mir. Im 5,6 fachen NSG sieht sie schon aus wie ein Rottier, im 12 fachen Victory HT zum Verwechseln einem Elch ähnlich. Dessen feiner Leuchtpunkt saugt sich so fest, dass ich im Geiste schon Schnitzel schneide… Ich glaube, wir haben eines frei? Hunger und Glaube sind keine guten Ratgeber bei der Abschussplanerfüllung. Siehste, hätt´ ich ne Hose an, hätt´ ich auch das Handy und könnte Vaddern aus dem Bett klingeln!

Während ich so dahindiskutiere eine weitere, flinke Bewegung –Meister Reineke, direkt am Heckenrand auf mich zu! Wir haben ein Niederwildrevier, müsst Ihr wissen, da haben die Jungs Priorität, und wenn da ein Einhorn stünde. Der Kollege ist so schnell, dass ich mit dem Pirschstock umsetzen gar nicht hinterher komme. Einmal angeklickt, zweimal, drei Mal –hey, bist Du taub? 20m, 15m, schon ist er vorbei. In einem katastrophalen Schräganschlag huste ich deutlich –Aha, jetzt endlich markiert die erstaunte Statue. Ich glaube nicht, dass er des Rätsels Lösung noch geschnitten hat. Aber ich meine, die sieben Hasen da drüben haben mir gerade wohlwollend zugenickt –stets zu Diensten.

Ortswechsel, wer feiern kann, der kann auch arbeiten. Schön beim Türöffnen kurz vor dem ersten Mais ein Käuzchen, die werden doch nicht wirklich…? Krrrrrracks! geht ein Stengel ins Jenseits. Ich seufze leicht. Das mit dem Schlaf nachholen wird wohl nichts.

Schnell an den Rand gehuscht, Lage sondieren ist angesagt. Wie viele und wo, was für eine Zusammensetzung, woher kommt der Wind, was tun sie? Wind stetig von links, check!; 5-10m direkt vor mir, mehr als eine, check!; ich höre, wie sich Frischlinge leise unterhalten, 10-15 Kilo vielleicht. Relativ selten kracht ein Stengel, vermutlich nur eine Bache also. Ich muss unwillkürlich schmunzeln: Käthe, bist Du das? Das is nich Dein Ernst, oder?
Käthe ist, wenn man allen chauvinistischen Humor zusammennimmt, in diesem Jahr der Star der Szene, eine Vorzeige-Blondine der Gattung sus scrofa. Sie ist von schlanker Gestalt, für Keiler offensichtlich sexy und war bis vor einem Monat noch mit einer eindrucksvollen Milchbar für 11 (!) Frischlinge gesegnet. Allerdings ist sie ebenso offensichtlich auch nicht gerade der hellste Stern am Firmament: genau in diesem Ackergewann habe ich ihr E-Jugend-Fussballteam in den letzten paar Tagen mit immerhin sechs finalen Feldverweisen bedacht. So richtig was draus gelernt hat das Mädel aber offensichtlich eher nicht.

Weiter im Plan, die Erfahrungen spielen lassen: Die Rotte ist recht stetig, die Frischlinge spielen wenig. Sie sind also noch nicht lange hier, haben noch Hunger. Das gibt mir mehr Zeit. Ich studiere den Verlauf der Saatreihen. Mais ist schwierig, auch wenn es durch die Wolken recht hell ist. 50m rechts, den Weg entlang hoch, oben einsteigen, die Querreihen zum Aufschließen nutzen und dann in der senkrechten Reihe vorstoßen –das System hat sich bewährt, könnte klappen.

Ich eile mich, tauche ein, winde mich um die ersten Stengel –nichts, Käthe hat wohl gerade einen geknickt und befindet sich im Bodenkampf. 5 Reihen vorsichtig weiter –nichts. Immer wieder checke ich die Reihen ein wenig auf und ab, suche die Stelle, an der die Stengel am weitesten auseinanderstehen, biege die Blätter zur Seite –wieder eine der schweren Querreihen geschafft.
Krrrrracks! 25m, 1 Uhr. Das passt. Wieder 5 Reihen, völlig verschwitzt lausche ich. Krrrrracks!, zwei der Frischlinge streiten sich ein wenig um den Kolben. Sehr gut, sie spielen immer noch nicht, sind noch bei Käthe. Das macht es evtl. leichter. Die Reihen sind dunkel, nur ab und an kann ich 2-3 Meter sehen. Das wird Nahkampf. Krrracks! Ich bin schon näher, höre das typische Quietschen der Kolbendeckblätter. Stille. Krrrrrracks!, wieder etwas weiter. Ausgerechnet jetzt eine Doppelreihe, ich suche verzweifelt eine kleine Lücke, schiebe die Blätter milimeterweise auseinander –und es fängt an zu tröpfeln. Das ist fast gut, sie hören mich schlechter –ich sie aber auch. Ruckzuck habe ich den Kontakt verloren. Mist! Aber sie können nicht weit sein! Ich mache 10 schnelle Reihen –Krrrrracks!- und bin plötzlich auf Tuchfühlung. Ich kann sie riechen. Ich kann hören, wie Käthe´s Wurf die Deckblätter auseinanderquietscht, wie sie schmatzt. Die Frischlinge brechen selber nicht und schmatzen wenig, sie quasseln immer dazwischen –nicht sehr groß also, das muss wirklich Käthe sein. Gut. Euch kenne ich. Einen Sateliten, der mich überraschen könnte, gibt es nicht.

5 Meter, 4 vielleicht, ich höre eine Frischling vorbeispazieren. Ich sehe null, bin pitschenass geschwitzt vor Anspannung. Der Regen wird stärker. Plötzlich ist wieder alles still, der Kontakt weg. Eine Minute, zwei, drei. Ich sitze mit geschlossenen Augen mitten im dunklen Mais, die Hände hinter die Ohren gelegt. Wo seid Ihr…? Krrrrracks, ganz leise. Käthe hat Meter gemacht. Will sie raus? Ein paar schnelle Schritte, eine Schadfläche! Ich kann Sprünge machen, hole auf: Krrrracks!, 10m. Die Frischlinge haben sich ein wenig verteilt –warten! Die Schadfläche bietet ein Wenig Licht, vielleicht habe ich Glück. Leider kommen vor allem Frischlinge ohne Laut –da! Einer huscht vorbei, taucht lautlos wieder ein. Das war knapp. Ich kann Baumwipfel erkennen, reime mir zusammen, wo wir sind. Am Rand. Sie haben noch Hunger –dann kommen sie auch wieder zurück. Krrrracks! Warten. Lauschen. Zittern. Krrrrrracks! Zwei Frischlinge haben sich in den Haaren, einer spritzt kurz an mir vorbei –dann quorkst er verdeckt wieder zu seinen Geschwistern. Wieder knapp! KKRRRRRAAAACKSSSS! –Holla, hi Käthe…! 3m, höchstens. Ich höre sie atmen zwischen den Bissen, höre, wie sie Wind einsaugt, kauere am Boden. Ich wusste, sie kommt zurück. Ein leichtes Gleiten –zwei Meter vor mir schiebt sich die schlanke Blondine vor mich. DAS ist jagen! Ich sag´s ja immer, ich würde 10 sichere Kirrungssauen gegen eine Fehlpirsch hier eintauschen…

KKKKRRRRRAAAAACKKSSSS! erinnert mich Käthe daran, warum ich hier bin, jämmerlich sinkt der malträtierte Stengel zu Boden.
Ich achte nicht auf Käthe. Wo sind ihre Rabauken? Zwei etwas weiter links, die vorlauten Quassler, 7-8m vielleicht. Sie werden satter, unsteter. Wo sind der Schmatzer und die Schleicher? Krrrracks, Käthe ist wieder eingetaucht. Da! Ein leichtes Knistern… 3m, ein Frischlingshaupt. Ruhe bewahren, einen Schritt noch, nur einen. Zeig mir, dass Du allein bist… Er macht den Schritt...

Käthe legt einen Monte-Carlo-Start der Handelsklasse I hin, offensichtlich hat ihr blondes Hirn Restintelligenz gefunden. Ich höre leichtes Schlegeln vor mir. Gut, ich kann mich um Stufe zwei kümmern, der ist sicher. Zwei Frischlinge sind völlig verwirrt –Nachkommen der Mutter halt-, quorksen leise nach Anschluss. Bleiben verdeckt, entfernen sich, kommen zurück, verschwinden, ein Blatt streicht noch leicht – absolute Stille. Nichts. Meine Spannung fällt auf einen Schlag ab. Ach, was soll´s: einer ist besser als keiner.

Ich stehe auf, klopfe mir den Sand aus den spärlichen Klamotten. Absurd. Ich bin völlig durchnässt, von innen und aussen. Dreckig, fertig, müde, stand eben noch mitten in der Nacht, mitten im Dunklen, mitten in einem Mais, mitten unter Sauen – Auch wenn morgen wieder 95% der Leute um mich herum nur den Kopf schütteln würden, wüssten sie, was ich gerade erlebt habe: Nur Alzheimer kann mir das einmal nehmen. DAS ist meine Passion. DAS ist mein Leben.

Abgekämpft falle ich zur Haustür rein. Aufgeregtes Rutenklopfen: Filou weiß sofort, was passiert ist. Er wurde heute von einem Vorstehhund lädiert, musste genäht werden, er trägt einen Verband und eine Halskrause. Deswegen konnte er nicht mit -aber er weiß es ganz genau. Er versucht, mich auszufragen, will alles genau erzählt haben. Er spricht nicht. Aber er versteht, da bin ich sicher.

Ich wollte das noch schnell aufgeschrieben haben, damit so etwa auch andere Passionierte ein Wenig mitfühlen können. Hoffentlich schaffe ich das – bei Filou brauche ich dafür keine Worte.
 
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#4
Hey Max, Du hast ja so recht, sowas kann man keinem Nichtjäger erklären, und von den Jägern verstehen es auch nicht alle.
 
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#5
Jabe ich schon mal irgendwo gelesen und füe sehr spannend empfunden. Im Netz gibt es noch mehr[emoji6]
 
A

anonym

Guest
#6
Freut mich, wenn´s gefällt, danke.
Ein bißchen mehr jibbet schon zu finden, die Schreiberei macht mir ziemlichen Spaß!
 
A

anonym

Guest
#11
Super geschrieben! Man merkt erst zum Schluß, daß man einen trockenen Mund hat, Live! :thumbup:
 
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