Stressfaktor Jagd von Dr. Petrak, Wildforschungsstelle NRW, W&H Heft 17, Seite 14-19, plus Buchempfehlung (39€)

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Sagen wir mal so: das Schwarzwild ist noch im ansteigenden Bereich der sigmoiden Wachstumskurve. Die haben die Biotopkapazität noch gar nicht erreicht. Republikweit gesehn. In einzelnen Regionen mag das weiter gediehen sein oder nachhinken.

Streckenschwankungen spiegeln nach wie vor eher dem Populationsanstieg günstige bzw. ungünstige Witterungsbedingungen/Nahrungsverfügbarkeit wider als Reduktionserfolge der Jägerschaft. Was wir schaffen ist allenfalls eine Verlangsamung des Populationswachstums. Ein Rückgang ist nicht in Sicht. Der ließe sich nur durch eine radikale Verringerung der Biotopkapazität erzwingen. Auch nicht in Sicht.

Das ist jetzt aber eine gewagte wie interessante These. Wenn man das diskutieren möchte, kommt man meiner Meinung nach aber net umhin, die "Biotopkapazität" genauer zu definieren. Geht es um "wilden" Lebensraum oder vom Menschen genutzten Lebensraum (Bewirtschaftungsraum)? An welchen Parametern wollen wir das festmachen, zB an dem Grad der Nutzung, ähnlich wie bei Reh- oder Rotwild. Wenn ich Reduktionserfolg durch Jagd oder Populationsentwicklung analysieren will, brauch ich irgendwo ne Basis, auf die ich mich stütze. Haben wir die, außer Streckenlisten? Was man weis, ist, das Wetter und Nahrungsangebot die Populationsentwicklung direkt beeinflussen. Mir leuchtet nicht ein, weshalb der Mensch nicht erfolgreich reduzieren können sollte (wenn er will). Die Krux ist eher, wie man den Erfolg misst. Prinzipiell wäre es nicht anders handhabbar, wie bei Rehwild. Ich nehme zwei (annähernd vergleichbare) Biotope und betrachte den Nutzungsgrad. Vorher definiert man eine Benchmark und dann schaut man mal....

Ob ich dann allerdings weniger als den Zuwachs, den Zuwachs oder mehr entnommen habe, weis ich immer noch nicht. Man nähert sich übers Ergebnis (definierter Biotopzustand) einer Bestandsvermutung.

Aber pauschal über die kumulierte Strecke jagdlichen Erfolg oder Misserfolg anzunehmen, halte ich so pauschal für nicht möglich.
 
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Man kann es auch pragmatisch machen, so wie beim Rehwild: tolerabel ist der Bestand, wenn der Verbiß tolerabel ist.


Geht es um "wilden" Lebensraum oder vom Menschen genutzten Lebensraum (Bewirtschaftungsraum)?
Was willst Du da trennen? Lebensraum des Schwarzwildes ist, wo es lebt. Und sei's auf der Kö.

Der Witz ist allerdings, daß die Biotopkapazität ebenfalls ständig steigt. Klimaerwärmung und Maisanbau und Maisanbau wegen Klimaerwärmung und Klimaerwärmung wegen Maisanbau. Kein Ende in Sicht. In den Käferlöchern gedeiht die Brombeere, unter den verreckten Kiefern der Schwarzdorn. Noch mehr Deckung. In aufgelichteten Wälder und weils eh wärmer wird, mehr Insekten gleich mehr Fraß. Ein Teufelskreis neben dem andern, im andern, über dem andern. Und kein Ende in Sicht...
 
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Kann man so nicht stehen lassen. Streß wird eine Wildart nur dann empfinden, wenn sie das Geschehen schon mal als für sie persönlich gefährlich erlebt hat. Andernfalls ist das höchstens eine Störung, die man zur Kenntnis nimmt.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gelassen beispielsweise Wiederkäuer in Afrika Beutegreifer inmitten ihrer Herden wahrnehmen. Nach großem Streß sieht das nicht aus. Man beäugt sich, beobachtet das Verhalten des jeweils anderen, und Leben kommt erst rein, wenn ein Beutegreifer Anstalten zum Nahrungserwerb macht. Oder umgekehrt: wenn dieses Zusammenleben so stressig wäre, daß der Organismus damit nicht leben kann, wären die Beutetiere lange ausgestorben.

Ein wesentliches Element der Jagdausbildung sollte imho das richtige Verhalten vor und vor allem nach dem Schuß sein. Erfolgreiche Jäger bestätigen übereinstimmend, daß vor allem die Vermeidung der Verknüpfung von Tod und Mensch entscheidend ist. Wo das Wild keine Gefahr mit dem Menschen verbindet, hat es wenig Streß und ist einfacher zu bejagen. Letzten Endes ist auch Intervalljagd nur eine Verhaltensweise, die eben dies ermöglicht.
Man kann es auch pragmatisch machen, so wie beim Rehwild: tolerabel ist der Bestand, wenn der Verbiß tolerabel ist.



Was willst Du da trennen? Lebensraum des Schwarzwildes ist, wo es lebt. Und sei's auf der Kö.

Der Witz ist allerdings, daß die Biotopkapazität ebenfalls ständig steigt. Klimaerwärmung und Maisanbau und Maisanbau wegen Klimaerwärmung und Klimaerwärmung wegen Maisanbau. Kein Ende in Sicht. In den Käferlöchern gedeiht die Brombeere, unter den verreckten Kiefern der Schwarzdorn. Noch mehr Deckung. In aufgelichteten Wälder und weils eh wärmer wird, mehr Insekten gleich mehr Fraß. Ein Teufelskreis neben dem andern, im andern, über dem andern. Und kein Ende in Sicht...
Sicher doch, aber auf der anderen Seite kann ich mir auch nicht so recht vorstellen, dass man in bewirtschafteten Wäldern Brombeere und Schwarzdorn einfach dahinwuchern lässt oder sehe ich das falsch? Wir werden doch nicht immer mehr Totholzwälder und Käferwüsten bekommen. Da hätte ja niemand was davon. Weder die Eigentümer noch das Klima.

Im Prinzip wirds ja beim Schwarzwild auch so gemacht. Toleriert bzw. als "Erlebnis" bejagd wird es, wo kein Schaden bzw. dieser tolerabel ist. Ansonsten wird es bejagd, um zu reduzieren, mal mehr mal weniger erfolgreich.
 
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....Im Prinzip wirds ja beim Schwarzwild auch so gemacht. Toleriert bzw. als "Erlebnis" bejagd wird es, wo kein Schaden bzw. dieser tolerabel ist....
DAS ist die Situation, die es zu verstehen gilt und die uns von den Bedingungen nach dem Krieg wesentlich unterscheidet: wir sind satt und können uns (je nach Liquidität des Jagdpächters) etwas Wildschaden an der landwirtschaftlichen (Über-) Produktion leisten. Natürlich zahlt niemand gern freiwillig, wenn es nicht sein muss, aber Jagdspaß hat eben seinen Preis und daher rührt der bekannte Spruch: "wer keinen Wildschaden hat, hat auch keine Sauen"!

Gut möglich, dass in den 90er Jahren noch Revierpächter von dem rasanten Anstieg und der weiteren Ausbreitung der SW-Population überrascht waren, wer aber in den letzten 15 Jahren ein Revier mit wesentlichem Feldanteil im bekannten Schwarzwildgebiet gepachtet hat, musste auch Sauen und ihre Wildschäden einberechnet haben. Da ist es ein Witz, anschließend über die "Problemwildart" zu jammern. Es war gewollt, weil man gern Sauen bejagen möchte und meint, mit den Schäden schon irgendwie klarzukommen. Wer bezahlt denn schon für die Anpacht eines reinen Ärgernisses?

Wenn man das versteht, wird klar, warum wir seit 20 Jahren erfolglos bei den "Bemühungen" um eine Schwarzwildreduktion sind und wie "wirksam" dann Postulate nach mehr Bachenabschüssen sein werden. Solche wirkungsschwachen und ethisch bedenklichen Not-Parolen exculpieren nur ein paar "happy-trigger-finger" auf Kosten des Tierschutzes.

Und was ändert die Angst vor der ASP?

Nichts!

Wie schaut es denn in den östlichen Nachbarländern mit existierender oder bereits bekämpfter ASP aus? Haben die Schwarzwild auf ein Minimalniveau reduziert?
Wenn man die Jagdangebote verschiedender Jagdreiseveranstalter z. B. für Polen, Kroatien oder Ungarn anschaut, oder die aktuellen Jagdvideos aus den Ländern, dann wird weiter mit ausgesprochen "guten Bedingungen" für SW-Jagd geworben. Weil es nachgefragt wird und weil wir es uns leisten können.

In der Vergangenheit konnte ich wiederholt und zuverlässig beobachten, wie effiziente Bewegungsjagden örtlich hohe SW-Bestände in wenigen Jahren drastisch zurückgefahren haben, Landwirtschaft, Klima und Mast hin oder her. Dort wo das nicht funktioniert hat, wurde verweigert oder gegengesteuert. Deshalb bin ich heute der Ansicht, hohe SW-Bestände sind eine Folge des Willens, nicht des Könnens. Wie seltsam wäre es denn, wenn vor Jahrhunderten mit dünnerer Bevölkerung und lächerlicher Technik viele Wildarten ausgerottet wurden, während wir heute mit Wärmebild-Drohnen und AR-10 nicht mal eine Reduktion hinbekämen?
 
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Wie seltsam wäre es denn, wenn vor Jahrhunderten mit dünnerer Bevölkerung und lächerlicher Technik viele Wildarten ausgerottet wurden, während wir heute mit Wärmebild-Drohnen und AR-10 nicht mal eine Reduktion hinbekämen?
Die Lebensbedingungen für das Wild waren halt damals auch andere. Den kampf gegen Schwarzwild hat man schon ganz am Beginn verloren. Als die ersten wenigen aufgetaucht sind und alle mit dem Maiseimer gelaufen sind. Die Kirrungen Dimensionen von Mastanstalten angenommen haben und nur auf Keiler geschossen wurde.
Die Veränderung in der Landwirtschaft hat dann die Lebensbedingungen für das Schwarzwild weiter verbessert.

Die Wärmebilddrohne und das AR-10 helfen, aber ohne Nachtzieltechnik wird man dem Problem nicht her werden dazu wurde zu lange nicht reagiert.
Aber diese Politik wird in vielen Bereichen betrieben. Probleme schönreden, falsch reagieren und anwachsen lassen bis sie kaum mehr zu bewältigen sind
 
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Gut möglich, dass in den 90er Jahren noch Revierpächter von dem rasanten Anstieg und der weiteren Ausbreitung der SW-Population überrascht waren, wer aber in den letzten 15 Jahren ein Revier mit wesentlichem Feldanteil im bekannten Schwarzwildgebiet gepachtet hat, musste auch Sauen und ihre Wildschäden einberechnet haben. Da ist es ein Witz, anschließend über die "Problemwildart" zu jammern.
Die SW Strecke in BB lag zwischen 1990 und 1999 auffallend konstant bei um die 45.000 Stück. Mit der Regierung Schröder/Fischer ab 1998 kamen Ökosteuer und EEG Gesetz. Mais- und Rapsanbau explodierten. 20 Jahre später ist die SW Strecke in BB verdoppelt.
 
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Allein der Vergleich Sau und Reh ist doch schon ein Witz!
Hier das Standorttreue Reh, dort der Zigeuner Wildschwein. Weder Einstandskämpfe, kein Feinschmecker, mit Streifgebieten von 30-40 km in einer Nacht. Ganzjährig Deckung und Frass im Feld findend und von natürlichen Masten völlig unabhängig und es wird immer noch von Drückjagden als Regulativ geträumt:cool:
 
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Wie seltsam wäre es denn, wenn vor Jahrhunderten mit dünnerer Bevölkerung und lächerlicher Technik viele Wildarten ausgerottet wurden,. . . . .



Welche denn? vielleicht noch den Wolf.
Wenn man Auerochsen und Wisent mal außen vorlässt.
alles andere wie Auer- und Birkwild oder Schnepfen wurden nicht durch Jäger ausgerottet, sondern hängen mit der Wald- und Feldwirtschaft zusammen.
 
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Also so pauschal würde ich das jetzt nicht sehen. Das Schwarzwildproblem ist schon wesentlich vielschichtiger.

Im Osten gibt es die Wildart schon ewig. Die Jäger sind von Generation zu Generation damit aufgewachsen und es wird in weiten Teilen gut wie effizient bejagd. Dort findet die Debatte nach meiner Wahrnehmung wesentlich unaufgeregter bis gar nicht statt.

In den westlichen Bundesländern kann man aus meiner Sicht viele Unterscheidungen treffen. Die wichtigsten Phänomene:

- anfüttern aus Spass an der Jagd (... denn sie wissen nicht, was sie tun)

- Jäger pachten ohne genaue Kenntnis der Lage (... wollen halt auch Pächter sein, sind aber mit den vorherrschenden Verhältnissen fachlich und zeitich überfordert, nachdem sie unterschrieben haben)

-Passionierte, erfahrene Jäger übernehmen die Jagd in problematischen Revieren und haben die Sache im Griff bzw. bekommen sie in den Griff.

Die Bewegungsjagd ist EINE Option bei hohen SW-Beständen. Ich glaube Dir aber nicht, dass man damit IMMER und ÜBERALL die Probleme in den Griff bekommt, wenn man sonst nicht viel tut oder gar nur Freizeitjäger da sind, die außerhalb des Hobbys Jagd noch jede Menge anderer Flausen im Kopf haben. Es ist das Zuckerl obendrauf für die narrischen Saujaga, die für die Jagarei leben.

Ich glaube nicht, dass es so viele Reviere gibt, wo einfach nur gezahlt wird und alle bleiben geschmeidig. Das mag bei Niederwildrevieren mit ausschließlich Rehwild so sein. Zahlt man ein paar Pflanzerl und zur Not noch nen Schlegl und fertig ist die Laube, wenn alles im Großen und Ganzen im Rahmen bleibt. Aber beim SW machst dir ganz schnell ziemliche Feinde, wo es mit ein paar Euros nicht mehr getan ist. Wer da so denkt, kann vielleicht die Periode noch zu Ende denken, aber dann ist er draußen, außer SW ist blos Wechselwild und es kommt halt ab und zu mal vor, dass es was zu zahlen gibt. Dann schimpft aber auch niemand über den Jäger.
 
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