SZ: Die Rettung von Rehkitzen ist Greenwashing

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Dieser Kommentar von Ingrid Hügenell in der SZ hat mich sehr betroffen gemacht.
Einerseits spiegelt er eine nur bedingte Kenntnis des betroffenen Szenarios wider, denn gemäht wird nicht nur typisches Grünland, andererseits berücksichtigt dieser Artikel nicht die real möglichen Alternativen.
Bleiben wir bei den Alternativen – die erste Variante wäre, dass man Rehe, Hasen, & Co. bei lebendigem Leibe durch die Häcksler schickt – ein sicherer, qualvoller Tod, egal ob man gleich ganz oder halb gehäckselt wird.
Die zweite Variante ist der Einsatz einer Wildtierrettung, wie auch immer dieser gestaltet wird.
Mehr Alternativen gibt es nicht!
Faktisch übernehmen aktuell die diversen Organisationen von Wildtierrettern eine Thematik und Aufgabe, die ein großer Teil unserer Gesellschaft seit Jahren weigert wahrzunehmen.
Wie billig ist das denn?
Man schaut einfach weg - was man nicht sieht, kann auch kein Problem sein, oder?
In der Artikel bzw. Kommentar von Ingrid Hügenell wird das Engagement einer Wildtierrettung als Greenwashing hingestellt und bezeichnet.
Sorry - das empfinde ich als frech, arrogant, überheblich und Natur-verachtend.
Ein Stadtmensch - für den Kühe lila sind - der könnte evtl. auf solche Ansichten kommen.
Kein normal denkender und empfindender Mensch darf auf die Idee kommen, dass wir Menschen das Wild bei lebendigem Leib durch einen Häcksler lassen, nur weil wir Menschen es können.
Das ist ein NoGo, völlig unabhängig von den juristischen Rahmenbedingen.
Noch eine Anmerkung dazu:
Wenn man mit der Art der Landwirtschaft nicht zufrieden ist, dann sollte man sich eher an die Gesellschaft inkl. Politiker wenden, denn diese geben die Rahmenbedingungen vor, in denen sich ein Landwirt bewegen kann.
Ein Landwirt ist Unternehmer, dem Unternehmen, Familie und Angestellten verpflichtet und muss entsprechend wirtschaften.
Für eine Unzufriedenheit mit der Landwirtschaftspolitik die Wildtierretter zu verunglimpfen ...
... dafür fehlt mir jegliches Verständnis und ist subjektiv nicht zu rechtfertigen.
 
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Ich verstehe nicht was an dem Artikel so falsch sein soll. Die Dame sagt klar dass unter gegebenen Bedingungen die Kitzrettung gut und notwendig ist. Sie ist aber nur notwendig wegen der Mäherei in der Brut- und Setzzeit, da hat sie doch recht. Sie nützt auch Hasen, Vögeln und Insekten nichts, stimmt doch auch. Die nachhaltige und bei weitem ökologischere Lösung wäre erst Ende Juni mit dem Mähen zu beginnen, dem kann ich nicht widersprechen.
Mein Respekt an jeden der viel Zeit und teilweise auch Geld in die Kitzrettung investiert aber man muss sich schon bewusst sein dass nur Symptome gelindert werden.

Mitte Mai mit dem Häckseln anzufangen hat mit Natur rein gar nichts zu tun, es ist Industrie.
 
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Ich verstehe nicht was an dem Artikel so falsch sein soll. Die Dame sagt klar dass unter gegebenen Bedingungen die Kitzrettung gut und notwendig ist. Sie ist aber nur notwendig wegen der Mäherei in der Brut- und Setzzeit, da hat sie doch recht. Sie nützt auch Hasen, Vögeln und Insekten nichts, stimmt doch auch. Die nachhaltige und bei weitem ökologischere Lösung wäre erst Ende Juni mit dem Mähen zu beginnen, dem kann ich nicht widersprechen.

Das ist so nicht richtig - im ganzen nicht.

Selbst im Bio-Betrieb wird im Mai der erste Schnitt gemäht. Das hat seinen Hintergrund in den Nährstoffen.

Je länger das Grass, oder die Klee-Grass-Mischung steht, desto mehr Rohfaser und desto weniger wichtige Nährstoffe enthält die Silage später. Das geht dann so weit, dass man den ersten und zweiten Schnitt verwerfen müsste.

Nur einmal zum Vergleich dazu... im 5jährigen Jahresdurchschnitt...

Schnittzeitpunkt 30.04. Rohfaser 16 %, Rohprotein 24 %, MJ NEL/kg TM 7,1; TM dt/ha 10
Schnittzeitpunkt 18.06. Rohfaser 30 %, Rohprotein 11 %, MJ NEL/kg TM 5; TM dt/ha 66

Du hast zwar einen höheren Ertrag, aber eine schlechtere Metabolisierung, da die Tiere auch nur eine gewisse Aufnahmefähigkeit haben. Also müsstest Du andere Ding dazu substituieren, damit wieder ein Ausgleich in der Energiebilanz der Tiere stattfindet.

Weiteres Problem, je mehr Rohfaser, desto schwieriger wird der Silierungsprozess. Bei Klee-Grass-Mischungen kommt noch ein weiteres Problem hinzu.

Die Schnittzeitpunkte haben rein mit den Nährstoffen zu tun, darum sind der erste und meistens auch der zweite Schnitt im Jahr die wichtigsten Schnitte. Der vierte und fünfte sind meistens eher minderwertig.

Darum beproben wir Landwirte unser Futter ständig, damit diese Schwankungen so gering wie möglich sind. Schlechte Silage führt zu Verlusten, und zwar auf allen Ebenen. So ist auch zu wenig Rohfaser ein Problem, weswegen dem vierten und fünften Schnitt nahezu immer auch Stroh hinzugefügt werden muss. Sonst häufen sich Erkrankungen beim Vieh.

Früher, also noch in meiner Jugend und Kindheit, gab es das oft, das Tiere in der Zeit von April bis Mai, die auf der Weide waren an Weidetetanie gestorben sind. Das hing unter anderem damit zusammen, dass man vorher nie so wirklich die Nährstoffbilanzen sich angesehen hat - zu der damaligen Zeit war der Verlust eines einzelnen Tiers in der Herde schon mitunter eine große Sache. Die Weidetetanie hängt mit einem Magnesiummangel im Futter zusammen, bei gleichzeitiger Sättigung des Metabolismus mit eiweißreichem und kaliumreichen Futter. Die Hypomagnesiämie ist seit den 80er Jahren zum Glück sehr selten geworden. Und wenn kommt sie mehr bei Ziegen und Schafen vor als bei den Rindern... das hängt unter anderem mit dem Futtermonitoring zusammen.
 
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Die Überschrift ist reisserisch. Die macht auch wohl irgendein Chef vom Dienst in einer Zeitung. Der Artikel selbst ist sachlich und korrekt.
Zusammenfassend: Die aktuelle Form der Grünlandwirtschaft ist für viele Tierarten ein existentielles Problem. Darüber sollte die Rettung einiger Rehkitze nicht hinweg täuschen.
Für eine Redakteurin einer Kreiszeitung erstaunlich substanziell.
Sogenannte „Stadtmenschen„ wären wohl eher begeistert über die Rettung der unschuldigen Babies mit den großen dunklen Augen und den hübschen Punkten auf dem Fell.

Guillermo
 
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Aus reiner Produktionssicht bestimmt richtig. Aber Du stimmst doch sicherlich zu, dass ein späterer Schnittzeitpunkt -wie von der Autorin argumentiert- für die Natur/Artenvielfalt sicherlich besser wäre.

Im Späten Juni ist aber zu spät, und daher nicht machbar.

Ich sag es mal so, nach dem 20 Juni, kannst Du nach unserer Tabelle nur noch Heu ernten, maximal noch Heulage, die hat andere Nährstoffe und ist eher für Jungtiere und Pferde geeignet, nicht aber für Kühe in der Laktation, oder für die Bullenmast.

Selbst bei Weidewirtschaft musst Du zu füttern, also noch extra Futter bereitstellen.

Je schlechter die Silage ist, welche Du fütterst - desto schlechter ist die Leistung der Kühe, wie gesagt auf allen Ebenen.

Und glaubst Du wirklich wir wollen Tierkadaver in dem Futter haben? Mitnichten...


Für die Natur/Artenvielfalt ist das eher von umgekehrter Relevanz, abgesehen mal von ein paar Arten.

Da kann gerade bei den Pflanzen der Schnitt für eine Verjüngung sorgen, und auch Pflanzen wachsen lassen, die sonst gar nicht durch die Grassdecke kommen würden.

Unser Betrieb mit 130 Tieren und einigen Pferden ist da auch eher untypisch, aber das ist letztlich egal - die Leute müssen sich auch mal mit den wissenschaftlichen Fakten beschäftigen, und nicht immer nach einer Sau suchen, die man durch das Dorf treiben will.

Anders als der Artikel hier auch erzählt, es kommen keine Pestizide auf den Wiesen zum Einsatz - null, nichts. Die Frau offenbart ein gefährliches Unwissen. Es wird nicht einmal gegen Tipula gespritzt - da gibt es nur noch die biologische Bekämpfung, und das ist der einzige Schädling gegen den man in der Richtung überhaupt noch vorgeht.
 
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